
Soziologie mit praktischem Nutzen - Obwohl viele Soziologen den abgeschotteten Elfenbeinturm längst verlassen haben, hat ihre Arbeit noch immer den Ruch der wissenschaftlichen Selbstbefriedigung. Doch spätestens seit die französichen Kollegen den Alltag als Untersuchungsgegenstand entdeckten, hat sich die Soziologie emanzipiert. Mit der neuen Reihe Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie will das Frankfurter Institut für Sozialforschung ein neues Kapitel seiner eigenen Geschichte aufschlagen. Und wenn die Mehrheit der im Campus Verlag erscheinenden Bücher so wie dieses ist, kann man sich nur freuen. Allerdings wünschte ich mir, dass der Verlag etwas weniger sparen und künftig auch Abbildungen drucken würde. Denn die Fussnote, dass in der deutschen Übersetzung keine Bilder zu finden sind, hat mich geärgert und ein Fünf-Stern-Buch verhindert. Ich meine nicht, dass alle Quellen auch abgebildet werden müssten. Aber dort, wo die Verständlichkeit des Textes mangels Anschaulichkeit nicht mehr gegegeben ist, wird dies dies zum grossen Ärgernis.Die Autorin hat eine Professur für Soziologie und Anthropologie in Jerusalem. Zu ihren Spezialgebieten gehören die Emotionen, die Konsumgesellschaft und die Medienkultur. Dieses Wissen bildet eine hervorragende Basis, um kompetent über die Liebe und deren kulturelle Widersprüche im postmodernen Kapitalismus zu schreiben. Das macht die Autorin so anschaulich, fundiert und verständlich, dass ihr Buch in den USA mit einem Preis ausgezeichnet wurde. (Wahrscheinlich ein Fassung mit Abbildungen) Eva Ilouz zeigt auf, wie die Massenkultur unser Bild einer romantischen Liebe geprägt hat, wo dieses Bild mit der modernen Warenwelt ein profitables Zweckbündnis eingeht und weshalb die Mittelschicht weniger unter den Widersprüchen zur kalten, rationalisierten Ökonomie leidet. Beim Thema Liebe einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht einfach alte Klischees zu erneuern, ist nicht einfach. Der Autorin ist dieses Kunstwerk jedoch geglückt. Sie beruft sich bei ihren Hypothesen auf Materialien, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten und bei den Lesern eigene Erinnerungen wecken. Und wenn Eva Illouz andere Autoren zitiert, merkt man, dass sie sich intensiv mit den Werken ihrer Fachkollegen auseinandergesetzt hat. Es ist nicht zuletzt dieser Mix aus amerikanischen Lebensbiografien und europäischen Untersuchungen, die mich faszinierten. Die Schlüsse, die Eva Illouz bei den einzelnen Themenbereichen zieht, sind auch für Nichtsoziologen überaus interessant, zum Beispiel für Werber, Medienwissenschaftler oder für die Gender-Forscher. Wer nach der Lektüre noch immer glaubt, die Liebe sei ein universelles Gefühl, das immer und überall gleich betrachtet werde, mit der Ökonomie nicht zu tun habe und sich nicht um gesellschaftliche Klassen kümmere, hat entweder ein anderes Buch gelesen oder möchte einfach an seinen alten Überzeugungen festhalten. Wer weshalb bei Befragungen schummelt, wird beim Lesen ebenfalls klar. Allein solche Aha-Erlebnisse lohnen die Lektüre, die übrigens auch ohne soziologisches Spezialwissen zu leisten ist.