
Akribische Recherche - Wie wird Elite in Europa rekrutiert? - Man kann froh sein, dass es noch freie Forschung an deutschen Universitäten gibt und nicht alle Projekte von Drittmitteln, Fremdfinanzierung und Fremdbegutachtung abhängig sind. Andernfalls wäre die Arbeit des Soziologen Hartmann wohl nicht möglich (gewesen). Denn diejenigen, die über die Macht verfügen, Gelder (z. B. für Forschungsvorhaben) zu vergeben, sind in der Regel VertreterInnen der gesellschaftlichen Elite in Wirtschaft, Verwaltung und Politik - und genau diejenigen sind Untersuchungsgegenstand von Hartmann. Mit seiner Forschung verfolgt er, wie man Mitglied dieser Elite wird und somit Zugang zu Positionen bekommt, in denen man gesellschaftliche Strukturen beeinflussen und gestalten kann. Durch seine akribische vergleichende Arbeit zu den Rekrutierungsmechanismen von Führungskräften in verschiedenen europäischen Ländern wird deutlich, in welchem Maß gesellschaftliche Strukturen und politische Entscheidungen die Erfolgschancen von Individuen beeinflussen. In Ländern, in denen die wirtschaftliche und politische Karriere den Besuch von Elite-Einrichtungen voraussetzt, wie beispielsweise in Frankreich, sind fast ausnahmslos Sprösslinge aus wohlhabenden oder sehr wohlhabenden Familien an der Macht. Länder, die höhere Bildung breiten Schichten zugänglich machen und keine Elite-Einrichtungen kennen, ermöglichen auch Menschen aus anderen Schichten, in Spitzenpositionen zu gelangen. Der vorliegende Band dokumentiert die Ergebnisse seiner Forschung. Er ist für all diejenigen interessant, die sich bei der bildungspolitischen Diskussion auch für die Hintergründe und gesellschaftlichen Folgen von bildungspolitischen Entscheidungen interessieren.
Parteinahme - Wer glaubt denn an Chancengleichheit ? Dass diejenigen, die zur Oligarchie gehören, ihre Macht sichern,liegt doch ganz nahe, dass die Chancen derjenigen besser sind, die den Kreisen bereits angehören, ist beinahe banal.Interessant zu lesen, dass die Rekrutierungsbedingungen in den europäischen Staaten teilweise ziemlich unterschiedlich sind, von den eher egalitären skandinavischen Staates bis hin einem fast ständisch geordneten Frankreich.Interessant zu lesen ist der Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit in der Gesellschaft und der Durchlässigkeit der Eliten.Hartmann beschreibt mit viel Material die unterschiedlichen Rekrutierungsmechanismus, der mehr oder weniger durchlässige Karrierleiter für Mitglieder unterer Schichten. Hartmann beschreibt auch die Veränderungen, die teilweise in beide Richtugen, mehr Durchlässigkeit oder mehr Exklusivität des Zugangs höherer Schichten in verschiedenen Ländern.Als deutlichen Mangel empfinde ich die Parteinahme auf den letzten Seiten.Nicht, dass es wissenschaftlich nicht ehrlich wäre, seine eigenen Prämissen bei der Betrachtung dieses Feldes offenzulegen. Aber durch diese letzten Ausführungen eines aktiven Vorgehens gegen die Oligarchien setzt er seine analytischen Teile des Buchs, den grössten Teil, dem Verdacht aus, das sei alles voreingenommen. Das ist dann schade. Es würde Hartmann unbenommen bleiben, eine eigene Streitschrift zu schreiben. Aber die Verquickung mit einer wissenschaftlichen Studie halte ich für problematisch, weil die Legitimät der Resultate durch die Parteinahme geschwächt wird.Natürlich werden Oligarchien nicht aufgrund von Einsichten , sondern nur aufgrund geänderter Machtverhältnisse Positionen räumen, aber diese Erkenntnis ist doch davon zu trennen, wie Eliten in den europäischen Staaten rekrutiert werden. Diese Erkenntnisse sind für sich genommen bereits wertvoll. Eines Aufrufes am Schluss bedurfte es gar nicht.